Chronologie der Ereignisse auf Lesbos

Januar bis Mai 2020

Wie 20.000 Flüchtlinge nur wegwollen und konservative Inselbewohner*innen als auch solidarische Menschen ebenfalls wollen, dass sie weiter reisen können – Alle aus sehr unterschiedlichen Gründen.

Januar

06.01.2020: Suizid eines iranischen jungen Mann, der in der Abschiebeabteilung in Moria eingesperrt war ohne medizinische Versorgung und ohne psychologische Betreuung. Am nächsten Tag: Protest vieler Bewohner:innen von Moria, die die Behörden und die menschenunwürdigen Zustände für den Suizid verantwortlich machen.

17.01.2020: Nachts Auseinandersetzungen in Moria. Messerstechereien wegen Handys, mit mehreren Verletzten und zwei toten jungen Flüchtlingen. Die ungewisse Zukunft, die engen und schrecklichen Lebensbedingungen, führen zu mehr Aggressivität unter den jungen Männern. Einer der jungen Toten war ein Überlebender vom Schiffsunglück im Juni 2019.

22.01.2020: Ein Generalstreik wird ausgerufen von konservativen Politikern, Parteien, Geschäftsleuten, mit der Forderung „Wir wollen unsere Inseln zurück“. Alle Geschäfte folgen dem Streik, Tausende sind auf der Straße.

30.01.2020: Demo von Frauengruppen aus Moria/Kara Tepe und Mytilini für Bewegungsfreiheit.

31.01.2020: Bürgermeister von Süd-Lesbos, Verros , schließt ‚Stage 2‘. Das Transitcamp vor Skala Sikaminias wurde vom UNHCR betrieben.

Februar

03.02.2020: Demo von Flüchtlingen aus Moria in Mytilini, auch für Bewegungsfreiheit und die Erlaubnis, die Insel zu verlassen. Die Demo wird blockiert von MAT Spezial Polizei Einheiten, damit die Demonstrant:innen nicht in die Stadt hineinkommen. Tränengas wird sogar direkt auf Babys geschossen. Festnahmen von Medizinerinnen während der Behandlungen. Viele Verletzte. Die Regierung kündigt den Bau von geschlossenen Zentren auf den Ägäis Inseln, für mindestens 5.000 Geflüchtete an. Ausgewählte Orte werden angekündigt. Angefangen bei einer Grenzmauer als Netz im Meer. Für Lesvos wird angekündigt: Der Bau eines geschlossenen Lagers im Norden der Insel, in einem Naturschutzgebiet, wo seit längerem ein Luxus-Campingplatz geplant wird. Als auch in Kavathas bei Mantamados, einer linken Hochburg. Überall Proteste und Dorf-versammlungen, um den Widerstand zu planen. Protest der Politiker:innen und der Bevölkerung fängt an. Sie wollen nicht, dass die Inseln weiter zu Gefängnisinseln gemacht werden. Forderung aller Politikerinnen (viele selber Unterstützerinnen der Nea Dimokratia (ND)): Alle Flüchtlinge sollten weg von den Inseln aufs Festland. Der Bürgermeister von Süd-Lesbos, Verros, kündigt Widerstand an und droht, sein Bürgermeisteramt abzugeben.

04.02.2020: Antifa Demo nachts als Reaktion auf die rassistischen Angriffe, Bürgerwehren und Straßenblockaden.

25.02.2020: In einer nächtlichen Aktion werden MAT-Einheiten aus Athen mit dem Schiff auf die Insel geschickt, um den Bau des Knastes durchzusetzen. Die ganze Nacht warten viele Menschen vor den Toren des Hafens, um die Ankunft zu blockieren. Darunter die Fahrzeuge der Müllabfuhr. Trotzdem schafft es die Polizei mit viel Tränengas, den Weg frei zu machen.

26.02.-01.03.2020: Zweitätigen Demonstrationen in Kavathas. Die Bevölkerung geht an den Ort, um die MAT (Spezialeinheit) und die Geräte zu blockieren. Lange Kämpfe mit Tränengas sogar gegen den Pastor und alte Menschen. Die rechten Protestierenden schaffen es, auf zwei Strecken über die zwei Tage die MAT Einheiten zu blockieren und den Bau zu verhindern. Trotz unglaublicher Mengen an Tränengas ziehen sich irgendwann die übernächtigten und schimpfenden Spezialeinheiten zurück in eine Kaserne in Mytilini, wo die ganze Nacht über Tausende protestieren. Es wird gesagt, dass sie über 50 Verletzte haben. Die lokale Bevölkerung im Widerstand hatte zum Schluss zum Teil sogar Waffen dabei und verwendete diese. In Chios werden die MAT in ihrem Hotel angegriffen, ihre Kleidung und ihre Sachen aus dem Fenster geworfen, wahrscheinlich von lokalen rechten Kräften. Auf Lesbos findet sich kein Hotel, wo sie übernachten können. Alle Hoteliers weigern sich sie aufzunehmen.  Am dritten Tag müssen sie sich in die Militärkaserne in Pagani zu ihren Schutz zurückziehen, bevor sie wieder auf die Fähre gehen. Es gibt Erklärungen von Militärs die sagen, wir wollen nicht in Aktionen gegen unsere Bevölkerung eingesetzt werden. Die Regierung ruft die MAT Spezialeinheiten zurück und behauptet in den Medien, dass die erste Stufe des Baus stattgefunden hat. Eine Lüge, aber für die Auszahlung der ersten Summen an die Baufirmen nötig.1 Es gibt drei Baufirmen, die die Aufträge bekommen haben, eine für jede Insel und die Firmeninhaber stehen alle der ND nah, sind zum Teil sogar Verwandte von Politikern der ND. Der Rückzug der MAT von der Insel, eigentlich ein gemeinsamer großer Erfolg der Bevölkerung, wird ganz schnell von Faschist:innen genutzt: Angefangen mit Straßensperren von Bürgerwehren, erst um das Dorf Moria herum, dann Angriffe auf Menschen und Autos und Häuser, die mit NGOs zu tun haben. Auch Angriffe auf NGO Mitarbeiter, die so gezwungen werden, aus dem Dorf auszuziehen und sich in Sicherheit zu bringen.

27.02.2020: Angriff der Bürgerwehr auf ein Fahrzeug des sozialen Zentrum für Geflüchtete ‚One Happy Family‘ (OHF) und Bewohner:innen von Mytilini.

28.028.02.2020: Der türkische Präsident Erdoğan erklärt, dass die Grenzen zur EU offen sind und bringt Geflüchtete gezielt ins Grenzgebiet um den Evros Fluss und an die Ägäis Küste. Tausende Flüchtlinge die nur die Information haben, dass die Grenzen auf sind, wissen nicht, dass Griechenland seine Grenzen dichthält. Sie befinden sich jetzt im Niemandsland zwischen der Türkei und Griechenland. Tagelang versuchen die verzweifelten Menschen durch zu kommen und werden vom Militär zurückgedrängt. Es gibt mindestens zwei Tote. Als Reaktion beschließt die griechische Regierung das Asylrecht für einen Monat auszusetzen für alle Menschen, die ab dem 1. März ankommen. Außerdem die Inhaftierung und Abschiebung von Flüchtenden. An den Stränden im Süden und Norden Lesbos‘ werden Aktivist:innen von der Polizei mitgenommen zu Personalienkontrollen, obwohl alle registriert sind und sich sowieso kennen. So werden sie massiv an ihrer Unterstützungsarbeit gehindert. Viele erschrecken und ziehen sich ganz von der Insel zurück. Auf Lesbos werden die Angriffe auf NGOs, Autos und Menschen parallel dazu immer zahlreicher.

März

01.03.2020: Ein Boot mit Flüchtlingen kommt im Hafen von Thermi an: Rassistische Bürger verhindern das Anlanden und beschimpfen und bedrohen eine schwangere syrische junge Frau mit Baby und alle anderen. Fotojournalist:innen, die das aus der Ferne dokumentieren, werden von Faschisten geschlagen, Kameras ins Meer geworfen, eine einheimische Frau kommt zu Hilfe. Die griechische Küstenwache zieht das Schlauchboot aus dem Hafen von Thermi und sichert die Anlandung. Die Angekommenen haben kein Recht auf Asyl und werden in den Hafen von Mytilini gebracht, wo sie dann auf einem Militärschiff tagelang eingesperrt ausharren müssen. Bürgerwehr auf dem Weg von Panagiouda nach Moria. Alle Autos werden kontrolliert von Privatpersonen bewaffnet mit Schlagstöcken. Sie versuchen zu verhindern das neu Ankommende nach Moria gebracht werden. Sie greifen Journalist:innen, NGOs und alle, die sie für solche halten, an. Auch in den nächsten Tage gibt es weiterhin Bürgerwehren vor Panagiouda. Sie fordern Ausweise um Nicht-Griech:innen zu kontrollieren. Alle die rein und raus wollen werden kontrolliert von aggressiven bewaffneten Männern aus der Gegend. Sogar viele griechische Menschen, sogar die Familie vom Bürgemeister Verros, wird bedroht und kontrolliert. Offensichtlich agieren sie unter dem Schutz des Bürgermeisters von Mytilini, der sie in den sozialen Medien gelobt haben soll. Nachts wird in Transitlager ‚Stage 2‘ ein Feuer gelegt: Es brennt vollkommen nieder. Die meisten NGOs ziehen ihre Volunteers und Angestellten zurück und verlassen die Insel. Die Cash-Karten für die Flüchtlinge werden abgeschafft und bis Bank-Automaten in die Camps gebaut werden, bekommen die Menschen kein Bargeld mehr.

02.03.2020: Angriff mit versuchter Brandstiftung auf die Mare Liberum und ihre Crew im Hafen von Skala Loutron. Währenddessen rufen in Evros Europäische Faschisten zur Verteidigung der EU-Grenzen auf und reisen ein mit Flyern, die sie an Flüchtlinge verteilen: „Kommt nicht in unsere Länder, es gibt kein Geld, wir wollen euch nicht“. Als ihre Präsenz öffentlich gemacht wird, werden sie von den Behörden in Evros des Landes verwiesen. Es kommen aber sofort die nächsten in Lesbos an. Lokale Rechte veröffentlichen kurz vor ihrer Ankunft auf internen Seiten, dass sie kommen und ihre Leute sollten aufpassen dass sie sie nicht mit NGO Mitarbeiter:innen oder ausländischen Journalisten verwechseln, die sie wiederum angreifen sollen. Sie liefern so eine schriftliche Bestätigung, wer die rassistischen Täter sind. Als Journalisten getarnt laufen die deutschen und österreichischen Faschisten entspannt durch die Einkaufsstraße Ermou und interviewen die Bevölkerung. Nicht lange – sie werden erkannt und müssen dann das Krankenhaus besuchen bevor sie abends wegfliegen mit einem Verband um den Kopf.

05.03.2020: Mare Liberum wird von Faschisten im Hafen von Mytilini am Anlegen gehindert und muss den Hafen verlassen. Migrant:innen, die an den Stränden von Lesbos ankommen, werden nicht nach Moria gebracht. Die, die im Süden ankommen, müssen draußen bei der Küstenwache im Hafen von Mytilini leben. Busse als Schlafplätze und ein paar Chemie-Toiletten. Ein Militärschiff kommt im Hafen von Mytilini an, um sie angeblich abzuholen. Aber es bleibt im Hafen tagelang mit dem Bug offen und ein Teil der Flüchtlinge lebt auf dem Schiff unter unmenschliche Bedingungen: Schwangere, kleine Kinder, Männer, alle eng zusammen. Das Coronavirus ist schon im Land. Im Norden werden die Flüchtlinge für eine Nacht in ein vom Bürgermeister angeordnetes Zelt gebracht, das aber am nächsten Tag wieder abgebaut wird. Sie campen wild, bis sie zwei Wochen später abgeholt werden, ins Militärschiff gebracht und mit den anderen in ein neues Zelt Gefängnis auf das Festland gebracht werden: Nach Kleidi bei Sidiki, wo sie wieder keine medizinische Versorgung bekommen und keine Asylanträge stellen können.

06.03.2020: Zwei Angeklagte werden zu drei Monate auf Bewährung verurteilt, weil sie Efi Latsoudi von Pikpa bedroht hatten. 152 NGOs veröffentlichen einen Aufruf an den Ministerpräsidenten von Griechenland „die Gesetze und die Menschlichkeit zu schützen“.

07.03.2020: Während einer antifaschistischen Demo werden die nächsten österreichischen Faschisten erkannt: Sie müssen den Saphos-Platz verlassen, holen ihr Gepäck im Hotel ab und kurz darauf brennt die Schule von OHF. In Anwesenheit der Österreichische Faschisten, die sich als Journalisten ausgeben.

16.03.2020: Feuer im Hotspot Moria. Bewohner:innen versuchen das Feuer zu löschen, weil es kein Durchkommen für die Feuerwehr gibt. Mindestens ein 6-jähriges Kind stirbt in den Flammen. Wir sagen „mindestens“ weil es wie immer bei Toten im Hotspot keine offiziellen Zahlen gibt. Nach unserer Kenntnis ist das kleine Mädchen die vierte Tote im Hotspot seit Anfang 2020.

19.03.2020: Der Hotspot Moria wird für geschlossen erklärt. Die Bewohner:innen dürfen nur mit Erlaubnis von der Polizei raus gehen, nur 100 pro Stunde.

21.03.2020: Die Regierung schließt alle Camps, mit der Begründung der Corona-Prävention. So auch Moria, inklusive Olive Grove. Nur 100 Personen pro Stunde, dürfen das Lager verlassen, z.B. zum einkaufen. Da es absolut kein Anzeichen dafür gibt, dass eine Corona-Prävention für 20.000 Menschen auf engstem Raum, oft ohne Wasser und Hygiene möglich sein kann, organisieren sich die Flüchtlinge selber zu einer „Awareness Group“, um alle zu informieren. Sie stellen sich vor den Lidl, wo die meisten Einkaufen gehen und erklären die Gefahren. Andere nähen Masken aus Stoffresten für alle Bewohner:innen des Camps. Der Bürgermeister von Mytilini kündigt an, selber drei Ärzte einzustellen, die in Moria für die 20.000 Menschen zuständig sein sollen.

23.03.2020: Während alle europäische Besucher:innen der Insel, Politiker aus Brüssel, Journalist.innen etc. fordern, das Lager Moria sofort zu evakuieren, will die Regierung beschließen, dass Land auf den Inseln konfisziert und verstaatlicht werden soll, für den Bau des Gefängnisses, das niemand haben will. Die Staatsanwaltschaft hat gegen mehrere Personen wegen der rassistischen Angriffe ermittelt (NGO-Mitarbeiter:innen angegriffen, Autos demoliert, zwei deutsche Journalisten verletzt, Mare Liberum angegriffen, Pikpa bedroht, das Gebäude von One Happy Family in Brand gesetzt), ohne eine einzige Festnahme.

April

05.04.2020: Hungerstreik der Gefangenen in der Abschiebe-Abteilung von Moria. Sie fordern ihre sofortige Freilassung, um die katastrophalen Folgen eines Virusausbruchs im Gefängnis zu vermeiden.

08.04.20: Ein 16-jähriger Afghane wird mit einem Messer getötet vor dem Tor des Hotspots. Er lebte mit seiner Familie im Olive Grove. Vier weitere Minderjährige werden schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht.

09.04.2020: Bewohner:innen aus Moria demonstrieren vor dem Hotspot gegen die Morde und die Einsperrung unter katastrophalen hygienischen Bedingungen.

10.04.2020: Der Hungerstreik wird von der Polizei mit Gewalt abgebrochen.

14.04.2020: Mit dem Lockdown des Camps, haben die Bewohner:innen nur noch die Möglichkeit in einem Laden im Hotspot Mora zu kaufen: Es bilden sich lange Warteschlangen, Abstand und Hygienemaßnahmen können nicht eingehalten werden.

15.04.2020: Flüchtlinge, dessen Asylverfahren abgelehnt worden sind, protestieren vor dem Hotspot Moria.

16.04.2020: Ältere und vulnerable Migrant:innen werden durch den UNHCR in Hotels untergebracht, um sie vor einer möglichen Infektion mit Covid-19 zu schützen. 

18.04.2020: 47 Minderjährige werden mit einem extra Flug von Aegean Airlines nach Hannover geflogen. 

20.04.2020: Der Lockdown des Camps wird bis zum 10. Mai verlängert. 

21.04.2020: Demonstration von afghanischen Geflüchteten, die die Aufklärung des Mordes an dem 16-jährigen fordern.

22.04.2020: Demonstration von afrikanischen Geflüchteten vor Moria, die Freiheit und Sicherheit fordern.

23.04.2020: Ein lokaler Bauer schießt auf vier afghanische Migranten, die außerhalb des Camps unterwegs sind. Zwei von ihnen werden schwer verletzt.

25.04.2020: Die Regierung hatte mitgeteilt, dass 1.500 aus Moria auf Camps auf dem Festland evakuiert werden sollten, annulliert diese Entscheidung aber kurzfristig.

27.04.2020: Nach einem Monat in Quarantäne an Stränden im Norden der Insel, werden 127 Migrant:innen schließlich nach Moria gebracht.

27.04.20 Das Verfahren gegen den Mann, der die vier Migrant:innen am 23.04. angeschossen hatte beginnt. Die Richter lassen ihn aber frei. Dorfbewohner:innen aus Asomatos versammlen sich vor dem Gerichtsgebäude in Solidarität mit dem Mann, der die Geflüchteten verletzt hat.

29.04.2020: Geflüchtete aus verschiedenen afrikanischen Ländern demonstrieren erneut vor Moria gegen die unmenschlichen Bedingungen im Lager.

Mai

02.05.2020: Endlich werden zumindest 392 mit der Fähre in Camps auf dem Festland evakuiert. Bei der Ankünft müssen sie allerdings die Nacht im Bus verbringen, weil Rassist:innen ihnen den Zugang zum Hotel versperren.

10.05.2020: Schon das zweite Boot kommt auf Lesvos an. Vor ein paar Tagen war bereits ein Boot in Skalochori angekommen, während die Regierung weiterhin von erfolgreicher Grenzschließung spricht. Die Ankommenden müssen 14 Tage in Quarantänecamps im Freien im Norden von Lesvos bleiben. Als Camp dient jetzt das ehemalige IRC camp in Therma.

11.05.2020: Der Lockdown für Moria und Karatepe wird bis zum 21. Mai verlängert. 

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