Ein Monat der Ungewissheit

Migrant:innen an der Nordküste von Lesbos, Griechenland

An den Abenden des 22. und 23. März, sowie des 1. Aprils erreichten etwa 130 Personen den Norden von Lesbos. Erst am 27. April wurden sie zur ersten Aufnahme in den Hotspot Moria gebracht.

Manche von ihnen lebten also über einen Monat in Ungewissheit und unter schwierigsten Bedingungen. Sie wurden willkürlich unter Arrest gestellt ohne die Möglichkeit ihr Recht auf Asyl in Anspruch zu nehmen. Sie wurden von der Polizei bewacht und selbst nach Ablauf einer Quarantäne von zwei Wochen durften sie das provisorische Camp nicht verlassen. Auch durfte niemand dieses Camp betreten. Menschen, die sie unterstützen oder auch nur besuchen wollten, wurden von der Polizei beschimpft. Zwei unserer Crew-Mitglieder, die den Migrant:innen Schutzmasken bringen wollten, wurden mit einer Geldstrafe wegen Verletzung der Corona Regulierungen belegt. Außerdem wurden ihre Pässe eingezogen – und das obwohl sie offensichtlich „Menschen in Not helfen“. Migrant:innen werden ihrer Rechte beraubt und Unterstützer:innen werden kriminalisiert – und all das während der COVID-19 Pandemie, während der Alle nach Solidarität und Verantwortung durch die Gesellschaft rufen! 

Festgehalten an drei verschiedenen Standorten (ein Hafen, ein Strand und ein Feldweg) wurden diese Menschen nur mit dem Allernötigsten zum Überleben versorgt. 56 Menschen wurden an einem Zollhafen festgehalten, ohne ordentliche Zelte, Toiletten oder Duschen. Sie wurden gezwungen die Felsen am Hafen zu nutzen um sich zu erleichtern. Um sich zu waschen mussten sie nach extra Wasser betteln. Die Zelte, die ihnen zur Verfügung gestellt wurden, waren für die rauen Wetterbedingungen nicht geeignet und konnten ihnen nicht standhalten, so dass die Menschen unter kalten und durchnässten Decken schlafen mussten.

Die anderen Standorte unterscheiden sich nicht besonders von diesem Zollhafen. Geflüchtete mussten unter polizeilicher Beobachtung schlafen, auf dem harten Boden eines Feldweges neben einer Kirche. Die einzige Unterstützung kam von den Bürgern und von einer leistungsunfähigen UNHCR, die nicht in der Lage war, die medizinischen Fälle angemessen zu handhaben. In einem der Camps berichtete eine Frau Opfer von Polizeigewalt geworden zu sein und dass bisher keinerlei Maßnahmen von den Behörden ergriffen wurden um die körperliche Unversehrtheit der Menschen vor Ort zu schützen. Die Migrant:innen bekamen anfänglich die Information, dass sie in eine 14-tägige Quarantäne müssten. Nachdem dieser Zeitraum vorüber war, war aber unklar was mit ihnen geschehen würde und sie bekamen widersprüchliche Informationen. Sie erhielten täglich unterschiedliche Termine und Orte für eine Weiterreise und lebten in der quälenden Unsicherheit, wie ihre Zukunft aussehen würde.

In allen drei Camps befindet sich eine Vielzahl gefährdeter Personen, wie unbegleitete Minderjährige und schwangere Frauen, die keinen besonderen Schutz oder Zugang zu ausreichender medizinischer Versorgung erhalten. Nach drei Wochen erhielten die Menschen schließlich zwar Kontaktinformationen von Anwälten, jedoch keine SIM Karten oder andere Kommunikationsmittel. Wegen der Ungewissheit über ihr Schicksal verschlechterte sich ihre psychische Gesundheit rapide. Sie verloren den Halt und obwohl sie nachfragten, wurden keine Psycholog*innen organisiert. 

Von einer Person erhielten wir folgende Aussage: 

„Wir haben keine Bäder für unsere Bedürfnisse und wir haben keinen Raum zum Duschen. Wir sind unter diesen Bedingungen seit über einem Monat. Wir leben ein primitives Leben wie in der Steinzeit. Wir kamen hierher auf der Suche nach Menschlichkeit, leider sind wir gezwungen hier zu leben. Bisher wissen wir nicht, wie unser Schicksal aussehen wird. Wir wissen nicht, was mit uns passiert. Sie geben uns keine Papiere und führen keine Befragungen für das Asylverfahren durch.“

Während all das passierte, sahen die Regierung und die lokalen Behörden den Migrant:innen, für die sie eine gesetzliche Verantwortung tragen, untätig dabei zu, wie diese immenses Leid ertragen. Die griechische Regierung, genau wie EU und UNHCR haben dabei versagt, grundsätzlichste Menschenrechte, wie den Zugang zum Asylverfahren, rechtliche Unterstützung, Bildung, medizinische Versorgung und Schutz der Menschenwürde, aufrecht zu erhalten. Die Schaffung von Regelungen, die die Zivilgesellschaft, als einzige Menschen, die sich sorgen, davon abhalten diese Menschen zu unterstützen, macht dabei alles noch schlimmer. Die Bildung geschlossener Camps, was die griechische Regierung als strategisches Ziel gesetzt hat, ist ein Beispiel für solche Methoden. Die Regierung behauptet, dass die Menschen in diesen provisorischen Camps „wie Gefangene“ seien und der Zugang daher beschränkt werde, allerdings ohne jegliche gesetzliche Grundlage für diese Behauptungen. 

Jetzt wurden diese Menschen zur ersten Registrierung zum Hotspot Moria weitergeleitet. Während Moria selbst auch ein unerträglicher Ort zum Leben ist, erscheint die Option, dass sie in geschlossene Einrichtungen auf dem Festland gebracht werden, als noch schlimmer. 

Uns ist bewusst, dass diese entsetzliche Situation auf den ägäischen Inseln von der Europäischen Union und ihrer Politik verursacht wurde und dadurch sowohl die Einheimischen als auch die griechischen Beamten unter enormen Druck gesetzt werden. Die Haltung internationaler Akteure, wie der UN, ist unverzeihlich und wir fordern diese dringend auf ihre Performance zu verbessern und ihre Pflichten zu erfüllen. Es gibt weder eine Entschuldigung für eine solche Verletzung der Menschenrechte, noch für die Erniedrigung und unmenschliche Behandlung gegenüber Migrant:innen durch die griechischen Behörden.

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