„Mein Land ist nicht sicher zum Leben“

Interview mit Aziz aus Afghanistan

Wir haben Aziz in Moria getroffen, er hat uns auf deutsch angesprochen. In kleinen Zelten entlang der staubigen Wege haben sich die Bewohner*innen kleine Läden aufgebaut, hier gibt es ein paar Lebensmittel, einen Friseur, einige Hygieneartikel. Aziz hat einen Stand mit etwas Obst und Gemüse. Damit hat er sich eine kleine Unterstützung für seinen Lebensunterhalt aufgebaut und er verkauft, was er im 10km entfernten Mytilini besorgen kann.. Aber eigentlich will er so schnell wie möglich weg aus Moria. Seit Monaten wartet er schon auf die Entscheidung der Behörden zu seinem Antrag auf Asyl.

Zwischen den Olivenhainen, etwas entfernt vom Lager, treffen wir Aziz wieder und er erzählt uns seine Geschichte. Er hat fünf bis sechs Jahre lang in Deutschland gelebt. Er hat in Bayern eine Ausbildung zum Tischler abgeschlossen und dort gewohnt und gearbeitet. Bis sich irgendwann die Ausländerbehörde bei ihm meldet und seinen afghanischen Ausweis verlangt. Jedoch hat Aziz nie wirklich in Afghanistan gelebt. Seine Familie ist aus dem Land geflohen, als er noch klein war und er ist im Nachbarland Iran aufgewachsen.

Da er diesen Ausweis nicht in der verlangten Frist vorlegen kann, wird er abgeschoben. Aziz erzählt von dem Schock, als auf einmal zwei Polizist*innen zu ihm kommen, während er gerade auf dem Weg zur Arbeit war. Sie sagten, er habe eine halbe Stunde Zeit, um seine Sachen zu packen. Dann brachten sie ihn zum Flughafen und er musste nach Afghanistan fliegen.

Dieses für ihn fremde Land ist durch einen jahrzehntelangen brutalen Krieg zerstört. Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Konfliktparteien, bei denen die Zivilbevölkerung gezielt durch Bombenattentate bedroht werden sind alltäglich. Aziz hat miterlebt wie bei einer Explosion über 50 Menschen in den Tod gerissen wurden. In dieser Bedrohungslage konnte er nicht länger leben und beschließt erneut in Richtung Europa zu fliehen, wo er hofft einen sicheren Ort zum Leben zu finden.

In Moria endet seine Flucht, wo er gezwungen ist, auf engstem Raum mit über 22.000 Menschen zu leben. Er sagt, er fühlt sich in Moria wie im Knast, weil er nichts anderes tun kann als Warten. Jeden Tag steht er stundenlang in den Warteschlangen für Essen, an der Ausgabe von Wasser, bei den Toiletten und Duschen. Aziz macht sich große Sorgen, dass sich in diesen Verhältnissen COVID-19 ausbreitet. Das würde bei der unzureichenden Versorgung, der extremen räumlichen Enge und ohne Möglichkeiten sich zu schützen oder mehrmals täglich die Hände zu waschen, eine totale Katastrophe bedeuten. 

Aziz wünscht sich Moria möglichst bald verlassen zu können. Er möchte an einem Ort sein, wo er bleiben darf, wo er eine Arbeit findet und zusammen mit seiner Familie leben kann. Er sagt, dass er ein normales Leben führen möchte. 

Das Privileg, an einem sicheren Ort zu leben, ist kaum deutlicher zu spüren, wenn Menschen von ihrer Fluchtgeschichte berichten. Die europäischen Grund- und Menschenrechte, wie das Recht auf Freiheit und Sicherheit oder das Recht auf ein faires Verfahren werden für Geflüchtete im Hotspot Moria und in keinem anderen griechischen Lager respektiert. Europa hat einen Friedensnobelpreis aber schottet sich ab, damit Menschen, die auf der Suche nach Schutz und Sicherheit sind, nicht teilhaben können. 

Deutschland spielt in dieser Abschottungspolitik eine zentrale Rolle. Im internationalen Kontext ist es beteiligt an Waffenlieferungen in Kriegsgebiete, am Aufbau von Sammellagern für Geflüchtete außerhalb der europäischen Grenzen und es unterstützt Regime, die Menschenrechtsverletzungen begehen. In Deutschland lebende Geflüchtete werden in menschenunwürdigen Lagern untergebracht, das Recht auf Asyl wurde in den letzten Jahre zunehmend aufgeweicht um unter anderem Menschen in vermeintlich sichere Gebiete abzuschieben, wo diese ernsthaften Bedrohungen für deren Leben ausgesetzt sind.

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