Nicht testen, nicht sehen

Während auf der Insel Lesbos Eindämmungsmaßnahmen gegen den Ausbruch von COVID-19 ergriffen werden, überrascht es, dass im Falle des Flüchtlingslagers Moria nichts unternommen wird. Auf Lesbos ist es verboten, in Gruppen mit mehr als zwei Personen nach draußen zu gehen. Gleichzeitig leben mehr als 20.000 Menschen in einem Lager, das für 3.000 Personen ausgelegt ist. Während sich das Virus seit Monaten in der ganzen Welt und in den Medien ausbreitet, wurde weder eine Evakuierung des Camps durchgeführt, noch wurden spezielle Präventionsmaßnahmen eingerichtet. Außerdem wurden keine zusätzlichen Mittel für das allgemeine Krankenhaus von Mytilini, der Hauptstadt der Insel, oder für die im Lager selbst tätigen Gesundheitsdienste bereitgestellt. 

Im „Olive Grove“, dem Bereich der provisorischen Zelte rund um das offizielle Lager, funktionieren die Wasserverteilstationen normalerweise nur vier Stunden lang am Tag, und die Menschen wissen nie, ob sie von dem einen auf den anderen Tag funktionsfähig sind. Helfer*innen und NGOs verteilten mehrmals Seifen, grundlegende Hygieneprodukte sowie Masken (1 pro Person). Daneben richteten sie eine Handwaschstation vor dem Lager ein und veröffentlichten Informationsmaterial. Es gibt keine übergreifende Organisationsstruktur, die allen in Moria lebenden Menschen den Zugang zu Gesundheits- und Präventionsartikel oder sogar zu grundlegenden Hygieneartikeln garantiert. Es wurden weder besondere Maßnahmen zum Schutz umgesetzt, noch wurde die Verteilung von Hygieneprodukten erhöht. Die Zivilgesellschaft bereitet sich auf diese Krise vor, während weder das UNHCR, noch die lokalen und staatlichen Behörden in der Lage zu sein scheinen, solche einfachen Hygiene- und Präventionsmaßnahmen umzusetzen und allen Menschen im Lager den Zugang dazu zu ermöglichen.

Die Straßen von Mytilini sind aufgrund der Bewegungsbeschränkungen leer, und die Schikane von People of Color oder Muslimen durch die Polizei ist umso offensichtlicher. In Moria lebende Menschen müssen bei der Lagerpolizei um Erlaubnis bitten, das Lager zu verlassen. Nur 100 Personen pro Stunde und ein Mitglied pro Familie dürfen sich außerhalb des Lagers aufhalten. Menschen berichten, dass es schwierig ist, diese Erlaubnis überhaupt zu erhalten, weshalb viele es nicht einmal mehr versuchen, da sie wissen, dass es nur eine weitere Möglichkeit ist, stundenlang anzustehen.

Es ist klar, dass Präventionsmaßnahmen in Mytilini und Moria nicht gleich sind. Alles ist so organisiert, dass die Bewohner von Moria das Lager so wenig wie möglich verlassen, aber innerhalb von Moria selbst werden keine Maßnahmen zur Bewegungseinschränkungen eingerichtet. Im Gegensatz zu Mytilini sind die Gassen von Moria voller Menschen, die zwischen den Geschäften, Straßenverkäufen (auf Bügelbrettern oder Decken), Friseursalons, Bäckereien und anderen Pop-up-Stores, die ein paar Cent einbringen können, umherwandern. Anstatt soziale Distanzierung einheitlich durchzusetzen, patrouilliert die Polizei auf dem Weg zum und vom Lager, um die Leute schreiend aufzufordern, zu Hause zu bleiben und sich nicht zu versammeln. Was für ein Zynismus! Wie ist es möglich, den empfohlenen Mindestabstand von 1,50 Metern zwischen Personen einzuhalten, wenn sich 15 Personen ein kleines Zelt teilen, die sich teilweise überlappen. Darüber hinaus müssen sich die Menschen für Mahlzeiten und den Zugang zu Toiletten und Duschen anstellen, die nicht zwischen den einzelnen Durchgängen oder sogar einmal am Tag desinfiziert werden.

Berichte von Medizinerinnen und Bewohnerinnen des Lagers zeigen, dass keine Maßnahmen zur Vorbereitung auf eine mögliche Epidemie ergriffen wurden. Es gibt keinen Notfallplan. Noch schlimmer ist, dass keine Maßnahmen für Menschen ergriffen wurden, die mit Fieber und Husten zu den Gesundheitsdiensten kommen. Stattdessen werden den Menschen generische Arzneimittel verschrieben. Außerdem werden sie ohne Test, Maske oder einen medizinischen Folgetermin in ihr Zelt zurückgeschickt.

Nicht testen, nicht sehen. Dies ist die politische Behandlung von COVID-19 durch die griechische Regierung für das Lager Moria.

Wieder sind die bereits am stärksten benachteiligten Personen die am meisten Vergessenen in politischen oder gesundheitspolitischen Maßnahmen. Solidarischen Menschen und Mitarbeiter*innen von Nichtregierungsorganisationen wird zunehmend geraten, sich vom Lager und von den in ihnen lebenden Menschen fernzuhalten, um nicht das Risiko einzugehen, das Virus in die Lager zu bringen. Dadurch wird in Moria gestrandete Geflüchtete die notwendige Unterstützung verwehrt, während sie noch weiter isoliert werden und die Öffentlichkeit davon abgehalten wird zu beobachten, was im Lager geschieht. Das Leben in Moria tötet Menschen und zerstört Menschenleben jeden Tag im Jahr: durch Feuer, Angriffe, Selbstmorde, Nichtberücksichtigung chronischer Krankheiten mit Paracetamol als einziger Behandlung, Vergewaltigung, Menschenhandel, Depression…

Solidarität umfasst alle Menschen, unabhängig von ihrer Rasse, ihrem sozialen oder politischen Status. Bereits schutzbedürftige Menschen sind besonders von einer tödlichen Infektion bedroht, da sie keinen Zugang zu den Ressourcen haben, um die Ausbreitung zu verhindern, und keine medizinische Behandlung erhalten. Wir fordern #LeaveNoOneBehind und: evakuiert die Lager, angemessene Maßnahmen, um die Ausbreitung von COVID-19 zu stoppen, wie Seife, Handwaschstationen und Masken, Notfallpläne zur Bekämpfung eines Ausbruchs von COVID-19, Tests, medizinische Behandlung und Isolierung von (potenziellen) infizierten Personen.

Mare Liberum e.V.

Gneisenaustraße 2a
10961 Berlin

Spendenkonto

Mare Liberum e.V.
IBAN: DE71430609671221431300
BIC: GENODEM1GLS