Als das Feuer am 8. September Moria, Europas größtes Camp für Geflüchtete zerstörte, wurden über 12000 Menschen plötzlich obdachlos.

Eine Woche später begannen die griechischen Behörden, die Geflüchteten in das neu errichtete Camp, eigentlich ein Gefängnis, zu drängen. Es wurde in Eile innerhalb weniger Tage auf dem kontaminierten Boden eines ehemaligen militärischen Schießübungsplatzes errichtet. Viele Menschen weigerten sich, das neue Lager zu betreten und forderten stattdessen “Azadi” – Freiheit und die Verlegung von der Insel. Die Polizei setzte Tränengas und Gewalt ein und blockierte die Verteilung von Lebensmitteln und Wasser, und so gaben im Laufe mehrerer Tage langsam immer mehr Geflüchtete, die völlig erschöpft und zermürbt waren, auf und meldeten sich im neuen Lager an.

Die provisorische Zeltstadt hatte bald über 9000 Einwohner. Die meisten unbegleiteten Minderjährigen wurden ausgeflogen und einige Menschen auf das Festland verlegt, aber die Zahlen passen nicht zusammen. Hunderte, wahrscheinlich Tausende von Geflüchteten wurden nicht “erfasst”. Die berechtigte Furcht vor dem neuen Lager und die Erfahrungen von strukturellem Missbrauch durch die Behörden veranlasste viele dazu, dem neuen Lager “Moria 2.0” fernzubleiben. Einige fanden Unterschlupf bei Freund:innen, aber viele waren gezwungen, in den verbrannten Überresten des alten Moria oder in den Wäldern der umliegenden Landschaft Schutz zu suchen. Sie sind in einer höllischen Umgebung völlig von jeglicher Unterstützung abgeschnitten: Kein Essen, keine sanitären Einrichtungen, keine medizinische Versorgung. Sie leben wie Gespenster – für die Außenwelt existieren sie scheinbar nicht.

So sieht das Leben an den Außengrenzen Europas aus, wo Menschen so erniedrigt und entmenschlicht werden, dass sie scheinbar einfach verschwinden können.

Und das ist nicht das erste Mal. Im März erreichte das Camp Moria eine Bevölkerung von fast 22.000 Menschen. Ein halbes Jahr später, als der Brand stattfand, waren es 10.000 Menschen weniger. In dieser Zeit fanden viele Transfers auf Festland statt, aber nicht in diesem Ausmaß. Unzählige Flüchtlinge landeten auf den Straßen Athens und sahen sich gezwungen, auf der Balkanroute weiterzureisen, wo viele von der Grenzpolizei, privaten Sicherheitsfirmen und Faschist:innen, die über Facebook-Gruppen “Flüchtlingsjagden” organisierten, extremer Gewalt und sogar Folter ausgesetzt waren. Die Situation war für viele ehemalige Bewohner:innen von Moria auf dem griechischen Festland oft so unerträglich, dass viele beschlossen, nach Moria zurückzukehren – dem Ort, den viele so verzweifelt verlassen wollten.

Solange es in der Europäischen Union kein faires und humanes Asylsystem gibt, das nicht den Großteil der Verantwortung auf ihre südlichen Mitgliedsstaaten abwälzt, wird die Situation eine entmenschlichende Katastrophe bleiben. Dies schafft eine Situation, in der Hunderte von Menschen “verschwinden” oder ein Leben als Gespenst führen, weil das System zu grausam ist, um darin zu leben.

Lasst uns Solidarität zeigen mit Menschen auf der Flucht! Lasst uns gemeinsam kämpfen und Druck auf die Verantwortlichen aufbauen!

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